
Fatih Akyel hat schon einiges gesehen. Mit seinen nur 27 Jahren kann er auf 61 Einsätze in der türkischen Nationalelf zurückblicken und hat für seine Mannschaften in diversen europäischen Wettbewerben gespielt. Man sollte also meinen, dass ihn so gut wie nichts aus der Ruhe bringen kann.
Aber weit gefehlt, denn als im Gespräch das Thema auf das Siegen und Verlieren kommt, bricht es aus ihm heraus: „Ich kann es nicht ertragen, zu verlieren. Ich werde wütend und bin schlecht gelaunt, wenn ich verliere. Dann versuche ich mit aller Macht, wieder erfolgreich zu sein und die Fehler abzustellen." – Genau die richtige Einstellung für seinen Einstieg bei unserem VfL!
Seit seinem zwölften Lebensjahr spielte Fatih für Galatasaray Êùíóôáíôéíïýðïëç. Schon zu Beginn seiner Karriere fiel er durch sein athletisches Spiel und seine Übersicht im Deckungsverband auf. Bei Galatasaray legte man großen Wert auf eine intensive Technikschulung und spielte außerdem auch in den unteren Klassen das System der Profimannschaft. Fatih war schon damals ein kompromissloser Innenverteidiger, der alle Jugend-Auswahlmannschaften der Türkei durchlief. Mit 17 Jahren wurde er zu den Profis befördert und besetzte fortan die Mitte der Viererkette. Schnell folgten die ersten Einsätze für die türkische Nationalmannschaft.
Mit Galatasaray gewann er 2000 den UEFA-Cup, spielte in der Champions League, holte fünfmal die türkische Meisterschaft und wurde viermal türkischer Pokalsieger. Auch heute noch gerät er ins Schwärmen, wenn er vom Supercup- Finale 2000 in Monaco erzählt, welches Galatasaray überraschend gewann. „Wir spielten gegen Real Madrid und lagen 0:1 hinten. Das 1:1 erzielten wir nach einer Flanke von mir über die rechte Seite, und das 2:1 war eine schöne Gemeinschaftsproduktion unseres Willens. Danach war ich so stolz auf unsere Mannschaft." Auch als beide Mannschaften ein Jahr später im Viertelfinale der Champions League aufeinander trafen, sah es lange Zeit so aus, als würde den königlichen Madrilenen ihre Revanche gelingen, denn zur Halbzeit stand es 0:2 im Istanbuler Stadion Ali Sami Yen. Fatih wurde zur zweiten Halbzeit eingewechselt, und mit ihm kam die Wende. Dreimal bereitete er vor und plötzlich lag „Cim- Bom" vorne. Ümit Davala verwandelte einen Foulelfmeter, Hasan netzte souverän zum Gleichstand ein, bevor der Brasilianer Jardel nach einer Fatih-Flanke den 3:2 Endstand erzielte. Fatihs Gegenspieler war Roberto Carlos. „Gegen einen so bedeutenden Fußballer zu spielen, ist eine große Ehre. Ich glaube, ich habe meine Sache ganz gut gemacht und Akzente nach vorne setzen können."
Im Trainingslager in Marbella überzeugte Fatih auch in den Testspielen gegen Anderlecht, Stuttgart, Unterhaching und Burghausen. Er erarbeitete sich die nötige Kondition, und auch die für sein Spiel so wichtige Spritzigkeit kam schnell zurück. „Die türkischen Trainingslager sind wesentlich länger, dafür wurde aber unter Peter Neururer viel intensiver und konzentrierter gearbeitet." kommentierte er die acht Tage in Spanien, „aber jetzt bin ich froh, wieder bei meiner Familie zu sein. Ich habe meine Frau und die beiden kleinen Mädchen so lange nicht mehr gesehen."
Auf seine letzte Saison bei Fenerbahce Êùíóôáíôéíïýðïëç angesprochen, wird Fatih nachdenklich: „Zwischen mir und Trainer Daum lief es überhaupt nicht. Dazu kam dann noch eine Menge Pech mit den vier roten Karten, von denen zwei aber heute noch in der Türkei diskutiert werden. Jetzt will ich diese Zeit hinter mir lassen und mich in der Bundesliga durchsetzen. Mit dem VfL Bochum werden wir diese Saison nicht absteigen, und dann können wir nächste Saison wieder an den UEFA-Cup denken. Wenn ich dem VfL helfe, helfe ich auch mir selbst und spiele wieder für die Türkei. Ein Verein wie der VfL muss höhere Ziele haben und hat seinen momentanen Platz einfach nicht verdient." Es sind diese Momente, in denen man erkennt, dass Fatih noch lange nicht satt von seinen Erfolgen ist. Beim VfL sieht er ein großes Potential, optimale Bedingungen und einen Trainer, über den er nur Gutes gehört hat: „Peter Neururer hat sich mir als umgänglicher und sehr menschlicher Trainer präsentiert. Er ist ein akribischer Arbeiter und setzt sich immer für seine Mannschaft ein." Integrationsprobleme hatte er in Bochum keine, und unseren Amateurtorwart Polat Keser habe er sogar schon für die türkische U 20 empfohlen. Keser wurde mittlerweile eingeladen – Fatihs Wort hat Gewicht im türkischen Fußball.
„Mannschaft" ist ein weiteres Stichwort für Fatih Akyel, denn für ihn funktioniert Fußball nur über das Team, welches die taktischen Vorstellungen des Trainers umsetzt. Wenn die Mannschaft funktioniert, „die Spieler miteinander zurecht kommen und sich ergänzen", dann gewinnt man gemeinsam, ist lockerer und spielt ohne Stress.
Bei der Weltmeisterschaft 2002 war er der einzige Spieler der türkischen Mannschaft, der alle sieben Spiele komplett durchspielte. Die Türkei wurde Dritter, und Fatih spielte sich in die Herzen der Fans. Eingesetzt wurde er nicht nur im zentralen Deckungsverband, sondern auch rechts in der Deckung, und auch im defensiven Mittelfeld konnte er überzeugen. Seine Vielseitigkeit gründet sich auch auf seine technischen Fähigkeiten. Fatih ist nicht nur ein exzellenter Zweikämpfer, wobei es ihm wichtig ist, „ohne Foul zu spielen, denn zu viele Fouls sind nur ein Vorteil für den Gegner", er hat neben seinem überragenden rechten Fuß auch ein präzises Passspiel mit dem linken Fuß. In Marbella blitzen diese Fähigkeiten ein ums andere Mal auf, als er gegen Anderlecht einen blitzsauberen Pass auf Vratislav Lokvenc spielte und dieser von halblinks zum 1:0 vollstreckte. Auch im abschließenden Testspiel gegen Duisburg konnte Fatih seine Stärken ausspielen und tauchte mehrfach unvermittelt gefährlich in der Duisburger Hälfte auf. „Das ist mein Ding: Hinten sicher stehen und schnell nach vorne stoßen. Den Gegner nicht zur Entfaltung kommen lassen und im richtigen Moment den Weg zum Tor suchen", erläutert Fatih seine Vorstellung vom idealen Spiel.
Zum Abschluss wird er noch einmal ernst: „Für das Vertrauen des Trainers und des gesamten Vereines möchte ich mich schon jetzt ganz besonders bedanken. Ich werde es zurückgeben und mein Bestes für den VfL geben. In unserer Mannschaft kann keiner gut verlieren. Da sind wir uns sehr ähnlich."
erschienen in "Mein VfL" zum Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin, 23.01.2005